(English)

It is a progression of application and removal, of painting over and exposing, a change from translucent to opaque, from depth to transparency and from gestural expression to controlled order that characterises Ralph Bürgin’s painting. Many of his works are created over a long period, so that he is often working on several paintings at the same time. Both large and small formats convey the intensity of the working process, in which the artist builds his paintings gradually through the application of many levels and layers on the canvas. In this way, the works are characterised by a strong dynamic and a vitality that are not directly expressive, but which come across as a combination of balance and spontaneous expression. Ralph Bürgin seems to paint from memory, "where sense becomes an image" explains Maria Lassnig in describing his work.

When gestural moments are partially obscured by solid, flat areas, the many different visual layers in contrasting colours become recognisable along with the working of surfaces. The layers are not only separated by overlapping, but also where the artist has created clear intersections through colour mixing, fragmentary characteristic style or the definition of clear edges. Only if one is very close to the canvas does the density of the layers also become visible through the use of colour, which is applied in numerous thin layers one over another. Again and again Ralph Bürgin changes and organises the composition of his pictures anew. And in the finished work it becomes clear that he does not follow a predetermined image.

From colour and two-dimensional abstraction he gradually develops his forms. Most abstract bodies emerge as if they were cut from the underlying surfaces. Sometimes there are also volumes or surfaces that through symbolic elements, such as teeth or legs, are suddenly perceived as anthropomorphic. In addition, there are paintings which obviously show human shapes or silhouettes of people. These figures are defined and limited by skin and clothes that appear to lie on the surface of the body and which only in this way can become visible. Maybe they are as empty inside as the faces that are obliterated with colour. Clearly Bürgin’s interest is held in these images, not in the individual psychological portrait. Rather, these paintings seem to be general images of an emotional inwardness that is in tension with the external reality. This also fits the colour scheme of recent work: dark tones that convey an almost melancholic mood dominating within.

In relation to the surrounding area, the abstract volumes and bodies sometimes appear almost sculptural - as if they would stand on a stage. The artist describes the stage-like pictorial space of his paintings as a "display case". With this label we associate a process of liberation and segregation similar to exhibiting in a separate room. At the same time, the description implies the idea of a possible view from all angles and at least an accurate overview. This allows the viewer visual entry into the painting as a self-contained space that is accessible only through the picture’s surface.

Ruth Kissling, 2014





(Deutsch)

Es ist eine Abfolge von Auf- und Abtragen, von Übermalen und Freilegen, ein Wechsel vom Lasierenden zum Opaken, von Tiefe und Transparenz und vom Gestischen zum kontrolliert Geordneten, die Ralph Bürgins Malerei kennzeichnen. Viele seiner Werke entstehen über einen längeren Zeitraum hinweg, und nicht selten arbeitet er an mehreren Gemälden gleichzeitig. Sowohl in den grossen wie den kleinen Formaten vermittelt sich die Intensität des Arbeitsprozesses, in dem der Künstler seine Bilder nach und nach in vielen Ebenen und Schichten auf der Leinwand aufbaut. Dabei kennzeichnet sich die Werke eine starke Dynamik und Belebung, die nicht direkt expressiv ist, sondern wie eine Kombination von Abwägung und spontanem Ausdruck wirkt. Ralph Bürgin scheint aus dem Kopf heraus zu malen, „dort, wo das Gefühl zum Bild wird", wie es Maria Lassnig über ihr Arbeiten beschreibt.

Erkennbar werden die vielen unterschiedlichen Bildebenen in den kontrastierenden Farben und der Bearbeitung der Flächen, wenn etwa gestische Momente von kompakten, planen Bereichen teilweise verdeckt werden. Aber nicht nur klare Überschneidungen trennen die Ebenen, sondern auch jene Stellen, an denen der Künstler sie durch Farbmischungen, kleinteiligen Duktus oder die Auflösung klarer Kanten deutlich miteinander verbindet. Erst wenn man sehr nahe an den Leinwänden steht, wird die Dichte der Ebenen ausserdem in der Farbe sichtbar, die in vielen dünnen Schichten übereinander aufgetragen ist. Immer wieder verändert und organisiert Ralph Bürgin den Aufbau seiner Bilder neu, und man erkennt auch im abgeschlossenen Bild, dass er keiner im Voraus festgelegten Bildidee folgt.

Aus der Farbe und der flächigen Abstraktion heraus entwickelt er nach und nach seine Formen. Meist entstehen abstrakte Körper, die wirken, als wären sie aus den dahinter liegenden Flächen ausgeschnitten. Manchmal sind es aber auch Volumina oder Flächen, die durch zeichenhaft gehaltene Elemente wie Zahnreihen oder Beinchen plötzlich als anthropomorph wahrgenommen werden. Darüber hinaus finden sich Gemälde, die offensichtlich menschliche Formen oder Silhouetten von Menschen zeigen - Figuren, die definiert und begrenzt sind durch die Haut und Kleidung, die an der Oberfläche des Körpervolumens zu liegen scheinen und diese so erst sichtbar machen. Möglicherweise sind sie innen so leer wie die Gesichter, die mit Farbe ausgelöscht sind. Eindeutig gilt Bürgins Interesse bei diesen Bildern nicht dem psychologisch individuellen Portrait. Vielmehr scheinen diese Gemälde allgemeine Abbilder einer emotionalen Innerlichkeit zu sein, die in einem Spannungsverhältnis zur äusseren Wirklichkeit steht. Dazu passt auch die Farbgebung der neueren Arbeiten: dunkle Töne, die eine beinahe melancholische Stimmung vermitteln, herrschen darin vor.

Die abstrakten Volumina und Körper sehen im Verhältnis zur sie umgebenden Fläche manchmal fast skulptural aus - wie wenn sie auf einer Bühne stehen würden. Der Künstler bezeichnet den bühnenhaften Bildraum seiner Gemälde als „Vitrine“. Mit dieser Bezeichnung assoziiert man einen Prozess des Herauslösens und Separierens ebenso wie das Ausstellen in einem eigenen Raum. Gleichzeitig schliesst die Bezeichnung die Vorstellung einer möglichen Allansicht und mindestens einer genauen Aufsicht mit ein. Dies ermöglicht dem Betrachter visuell einen Eintritt in die Gemälde wie in einen in sich abgeschlossenen Raum, der nur über die Bildoberfläche zugänglich wird.

Ruth Kissling, 2014